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Flipped Classroom ist momentan eine der Methoden, wenn es darum geht, digitale Bildung in den Schulalltag zu bringen. Oder zumindest, es zu versuchen. Doch, was bleibt? Welche Lehren lassen sich aus einem Flipped Classroom ziehen? Was ist Hype und was bringt echten Fortschritt?

Eine kleine Gruppe junger LehrerInnen diskutiert ihr Unterrichtsmaterial aus dem Konzept Flipped Classroom

Digitale Bildung braucht nicht notwendigerweise digitale Geräte im Klassenraum

Auf das Leben in der digitalisierten (Arbeits-)welt vorzubereiten ist eine der großen Herausforderungen der Schule heute. Doch was bedeutet das? Vor welchen Herausforderungen werden unsere heutigen SchülerInnen einmal stehen? Sie werden flexibel, kreativ und selbstständig arbeiten müssen. Das heißt nicht einfach, ein Schaubild mit Excel erstellen oder ein Bild mit Photoshop bearbeiten zu können. Informationen sind jederzeit und überall vorhanden. Aber die bloße Wiedergabe von Informationen bedeutet noch keinen Wissenserwerb. Nur weil ich ein Regal nach einer Anleitung aufbauen kann, bin ich noch lange kein Schreiner. Informationen werden zu Wissen, wenn sie miteinander verknüpft, auf bestehendes Wissen bezogen und angewandt werden. Wie SchülerInnen diesen Schritt zunehmend selbstständig bewältigen können – das ist es, was die Schule von heute leisten muss. Das ist der Kern des Bildungsauftrags. Und das schafft der Flipped Classroom. Informationen liegen nicht mehr in der alleinigen Deutungshoheit der Schule und müssen nicht mehr ausschließlich im Klassenraum vermittelt werden. Verknüpfung und Anwendung sind die Dinge, zu denen es die Schule benötigt, da hier entsprechende Gelegenheiten geschaffen werden können. Selbstverständlich kann ich bei vorhandenen digitalen Geräten auf diese zurückgreifen, zusätzliche Quellen und Tools nutzen. Als hilfreich erwiesen sich beispielsweise SerloZUM-WikiGeoGebraKhan AcademyAufgabenfuchs oder LearningApps.

Flipped Classroom vermittelt keine 4K

Kollaboration, Kreativität, kritisches Denken und Kommunikation gelten als Schlüsselqualifikationen für das 21. Jahrhundert. Will man diese den SchülerInnen näher bringen, ist der Flipped Classroom keine zwingende Bedingung. Im FC lässt sich wunderbar der klassische Lehrervortrag in ein Erklärvideo packen und im Unterricht erledigen die SchülerInnen die Aufgaben aus dem Buch in Einzelarbeit. Ergebnisse können anschließend im Plenum als Musterlösung angeschrieben werden. Dass dieses Vorgehen an bestimmten Stellen sehr gewinnbringend sein kann, möchte ich nicht bestreiten, nur habe ich damit noch keinen Unterricht verändert oder gar verbessert. Ich dehne ihn nur zeitlich aus. Das reicht noch nicht, um einen echten Mehrwert zu haben. Nur der Flipped Classroom bringt hier also keinen echten Fortschritt – aber er kann Fortschritt möglich machen.

Kompetenzorientierung ist für SchülerInnen hilfreich

Oft wird sie als nicht praxisrelevant abgetan, die Kompetenzorientierung in Kerncurricula. Doch richtig angewendet bietet sie den SchülerInnen eine gute Orientierung im eigenen Lernprozess. Als praktikabel hat sich erwiesen, Aufgaben für die Präsenzphase nach den Anforderungsbereichen 1, 2 und 3 in leicht, mittel und schwer zu kategorisieren. Wenn ein(e) SchülerIn recht fit und mit den leichten Aufgaben schnell fertig ist, hat diese(r) mehr Zeit für die schwierigen Aufgaben, hat Zeit, dort in Sackgassen zu rennen und kreative Lösungswege zu entdecken. Ein(e) schwächere(r) SchülerIn hat jedoch mehr Zeit für leichte Aufgaben und kann sich sicher sein, dass er/sie, wenn er/sie viel Zeit auf diese verwendet und sie sicher beherrscht, eine ausreichende Leistung erzielen wird. Die Lernvideos haben hier nur einen geringen Anteil. Sie bieten vor allem den Schwächeren zwar auch einen Ankerpunkt, der Zeitgewinn in der Präsenzphase ist es jedoch, der besonders hilft. Die Ruhe, sich 45 (oder 90) Minuten am Stück mit eventuellem Coaching des Lehrers mit Basisaufgaben beschäftigen zu dürfen, habe ich dabei als besonders gewinnbringend erlebt.

Prüfungsformate müssen sich anpassen

Zu einem bestimmten Zeitpunkt schreiben alle TeilnehmerInnen einer Lerngruppe den gleichen Test unter gleichen Bedingungen mit der gleichen Zeitvorgabe. Das Ziel dieses Formats ist es, Noten zu vergeben, SchülerInnen in Kategorien zu ordnen. Das widerstrebt grundlegend dem Ziel des Unterrichts, alle SchülerInnen möglichst umfassend auf das Leben vorzubereiten. Wenn die Kompetenzorientierung ernst genommen werden sollte, müssten sich Prüfungsformate anpassen. Zu jedem Unterrichtsinhalt müssten drei Prüfungen geschrieben werden. Eine leichte, eine mittlere und eine schwere, orientiert an den Anforderungsbereichen der Kerncurricula. Eine Abfolge sollte wie folgt aussehen:

Prüfungsformate müssen zukünftig angepasst werden

 

Der Ansatz dabei ist es, Lücken im Basiswissen zu vermeiden. Um im bisherigen System der schriftlichen Arbeiten zu bestehen, reicht es, als Schüler nur 40 % der Aufgaben aus dem Anforderungsbereich 1 zu lösen, wenn ich bei den schwereren Aufgaben noch einige Punkte erlange (weil ich den Namen richtig schreibe, die Klassenarbeit hochgesetzt wird, ich richtig rate, …). Dadurch bauen sich Lücken im Basiswissen auf, die ein erfolgreiches Lernen in höheren Jahrgangsstufen erschweren oder sogar unmöglich machen. Prüfungen sollten eher darauf abzielen, zunächst zu überprüfen, ob dieses Basiswissen vorhanden ist, bevor ein(e) SchülerIn in einen gehobenen Anforderungsbereich vordringen kann. So lassen sich auch viele Fehlvorstellungen („Rechentricks“) vermeiden, die man sonst später nur schwierig überwinden kann.

Will man dann unbedingt Noten vergeben, würde sich die Regelung anbieten:

  • Test 1 bestanden: Note 4
  • Test 2 bestanden: Note 3
  • Test 3 bestanden: Note 2
  • Darüber hinaus zusätzliche Leistungen erbracht: Note 1

Ob Noten überhaupt nötig sind, steht auf einem anderen Blatt.

Kenntnis über Fakten und Informationen ist kein Wissen

Wer auswendig lernen kann und Faktenwissen stets parat hat, hat in der digitalisierten Welt keinen großen Vorteil mehr. Informationen sind immer und nahezu überall zugänglich. Der alte Spruch

„Man muss nicht alles wissen. Man muss nur wissen, wo es steht.“

gewinnt mehr und mehr Bedeutung. Wichtiger wird das Filtern von Informationen: Gute von schlechten Quellen zu unterscheiden, sich mit anderen zu einem Lernnetzwerk zusammenzuschließen – all das sind Qualifikationen, die man für ein lebenslanges Lernen benötigt. Einerseits ist es dabei wichtig, dass ich als Lehrer dieses vorlebe, aber auch, dass ich den SchülerInnen Gelegenheiten biete, dies zu trainieren. Da bietet der Flipped Classroom viele Möglichkeiten. Es fängt damit an, dass SchülerInnen zu einem von mir erstellten Erklärvideo passende, äquivalente Informationen finden sollen, etwa andere Videos, verschiedene Internetseiten oder (Schul-)Bücher. Im Unterricht selbst findet dann die Verknüpfung statt, indem verschiedene Quellen verglichen, diskutiert und Kriterien für gute Quellen aus den eigenen Erfahrungen erarbeitet werden. Der nächste Schritt besteht dann darin, diese Informationen oder Fakten anzuwenden, aufeinander zu beziehen und in vorhandene Wissensstrukturen zu integrieren. In Mathematik sind das vor allem auch Aufgaben, die verschiedene Themenbereiche aus (beispielsweise) der Geometrie und Algebra miteinander verknüpfen oder interdisziplinär aus den Naturwissenschaften stammen.

Unterrichtszeit ist sehr wertvoll

Die Zeit im Unterricht lebt von menschlichen Interaktionen. Das sind die 180 Minuten pro Woche, in denen alle Mathematik-Lernenden zusammen in einem Raum sitzen. Nachdenken, Einzelarbeit und Lehrervorträge (als Video) sehen kann man auch in den übrigen 9900 Minuten in der Woche. Diese knapp 2 % pro Woche sollten daher so ertragreich wie möglich genutzt werden. Die Schule und jeder Lehrende muss sich hier überdenken und sich stets die Frage stellen:

Welchen Vorteil habe ich davon, dass alle SchülerInnen zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Raum sind? Welchen Vorteil für das Lernen kann ich daraus ziehen?

Auch wenn der Flipped Classroom nicht die eierlegende Wollmilchsau des Unterrichts ist, zeigt die Erfahrung doch auf, wie man diese Zeit möglichst nicht nutzen sollte:

  • Lehrervorträge (die über einen kurzen Impuls hinaus gehen)
  • Vorstellen und Abschreiben von Musterlösungen im Plenum
  • Gleiche Zeitvorgaben für gleiche Aufgaben für alle SchülerInnen
  • Lesen von langen Texten
  • Einzelarbeit

Natürlich gibt es auch immer Ausnahmen zu diesen allgemeinen Beobachtungen. Auf die Einzelarbeit bin ich oben schon eingegangen. Wenn ich beispielsweise Lesestrategien mit den SchülerInnen erarbeiten möchte oder einen Quellentext erarbeite, zu dem ich viele Rückfragen erwarte, bietet es sich durchaus an, dies in der Präsenzphase durchzuführen.

Lehrer haben nachmittags recht und vormittags frei

Der Lehrerberuf und die damit verbundene Arbeitszeit ändert sich. Wenn ich den Unterricht schülerzentriert ausrichten möchte, wird der Unterricht in der Präsenzphase für den Lehrenden entlastet. Wir müssen nicht „das Thema in dieser Stunde noch durchkriegen“ oder Zeit einplanen, weil alle noch am Ende der Stunde ein Tafelbild mit der Musterlösung der Musterschüler abschreiben müssen. Der Stress in der Stunde wird für alle geringer, SchülerInnen und LehrerInnen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Unterricht weniger fordernd oder leistungsorientiert ist. Die SchülerInnen bekommen durch die klarere Kompetenzorientierung eine deutliche Struktur in ihren Lernprozess und präzise Leistungsanforderungen. Der Lehrer oder die Lehrerin hat jedoch außerhalb der Präsenzphase mehr Arbeit durch das Filtern von Aufgaben, Formulieren von Leistungsanforderungen oder Erstellen von Erklärvideos.

Fazit: Hype oder mehr?

Der Flipped Classroom ist mit Sicherheit mit einem hohen Hypefaktor verbunden. Dieser überstrahlt zum Teil die Schwächen des Konzepts. Neue Besen kehren gut. Probleme zeigen sich oft erst, wenn die erste Verliebtheit verfliegt, wenn der Hype zum Alltag wird. Aber spätestens dann wird es Zeit, auf die Fakten zu schauen. Welche Lehren kann ich aus der Erfahrung für jede Art des Unterrichtens ziehen? Sicherlich wird mit einer gewissen Erfahrung im Flipped Classrom schnell offensichtlich, dass die Rolle des Lehrers im 21. Jahrhundert eine andere werden muss. (Ja, ich kann diesen Satz auch nicht mehr lesen, aber er ist dennoch wahr.) Unterricht kann nicht für alle SchülerInnen im gleichen Takt und Tempo erfolgen. Dazu fehlt jedoch oft der organisatorische Rahmen oder schlicht die Zeit. Der Flipped Classroom ist hier nicht die alleinige, aber doch eine sehr praktikable und im bestehenden System umsetzbare Antwort auf die Frage, wie chancengerechter Unterricht erfolgen kann. Kein von Grund auf neues Konzept, jedoch ein Rahmen, der viele Ideen zusammenführt und handhabbar macht. Er bietet mit den oben genannten Anpassungen allen SchülerInnen die Perspektive, mit eigener Anstrengung jede Leistung erbringen zu können. Nur eben nicht mit gleichem zeitlichen Aufwand.


Jan Weber

Jan Weber

Jan Weber ist seit 2014 Lehrer, aktuell an einer Oberschule (Sekundarstufe 1) in Niedersachsen und unterrichtet die Fächer Mathematik, Physik und Deutsch. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer arbeitet er als Digitalisierungsbeauftragter an aktuellen Themen der Schulentwicklung und bietet dazu Workshops, Fortbildungen und Vorträge an. Arbeitsschwerpunkte sind hierbei zukunftsgerichtete Prüfungsformate und projektbasiertes Lernen.