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Digitale Bildung, 4kDE, Bildung in der digitalisierten Welt – wenn man den aktuellen Diskurs zur Schulentwicklung verfolgt, gibt es sicherlich noch mehr Buzzwords, mit denen sich die Diskussion anreichern ließe. Doch was steckt hinter den Schlagwörtern? Was ist gemeint, wenn über digitale Bildung gesprochen wird? Worum dreht es sich bei vielen Bildungskongressen, #edchatde, #bayernedu usw. eigentlich im Kern? Ist es das Ziel, ein Tablet an jeden Schüler zu verteilen und dann Schulbücher als PDF-Dateien oder in einer proprietären App aufzurufen?

Welches Ziel steckt denn (oder sollte zumindest) hinter jeder Bemühung der Schulentwicklung? Unterricht soll besser werden. Das klingt zunächst einleuchtend und so furchtbar einfach. Nur, was dieses „Besser“ bedeutet, das ist gar nicht so einfach zu beschreiben. In der Diskussion werden oft die 4 K des 21. Jahrhunderts angeführt.

Ein Lehrer zeigt seinen Schülern die Lerninhalte digital an einem Bildschirm.

Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken.

Dass dies Eigenschaften sind, die sich jedes Individuum und damit auch jede Schülerin und jeder Schüler aneignen sollte, wenn sie oder er in Zukunft erfolgreich durchs Leben ziehen möchte, leuchtet ein. Der Weg dorthin scheint so unglaublich simpel.

  • Kommunikationskompetenz erwirbt man durch regelmäßiges Kommunizieren.
  • Kollaborationsfähigkeit erwirbt man durch regelmäßiges Zusammenarbeiten.
  • Kreativität erwirbt man durch regelmäßiges kreatives Problemlösen.
  • Kritisches Denken erlernt man durch regelmäßige Anlässe zur (Selbst-)Reflexion.

Unterricht nach diesen Zielen zu gestalten ist im heutigen Schulsystem ein Prozess, der nicht mittels eines Gesamtkonferenzbeschlusses abzuschließen sein wird. Umso wichtiger ist es, zu Beginn des Veränderungsprozesses mit den richtigen, kleinschrittigen Maßnahmen zu starten, um das große Ganze gezielt lenken zu können.

Was wir nicht brauchen, sind bloß oberflächliche Veränderungen und scheinbare Modernisierungen wie ein Pflichtfach Informatik, die gleichen Aufgaben zu den gleichen Texten (nur als Website oder PDF) oder den Glauben, man könne Medienkompetenz eintrichtern. Oder schlimmer noch: Die Annahme, dass die Digital Natives per se über Medienkompetenz verfügen.

Vielmehr müssen wir den Unterricht und die damit verbundenen Strukturen unter veränderten Gesellschaftsstrukturen und (technischen) Möglichkeiten neu hinterfragen und neu denken. Die Wissenshoheit der Schule verkommt mehr und mehr zu einem schlechten Witz. Die Schule sollte das Lernen unterstützen. Und Lernen passiert vorrangig nicht dadurch, dass ich einen Text lese, ein Video schaue oder einen Podcast höre. Lernen geschieht in dem Moment, wenn ich erworbenes Wissen anwende, vernetze und darüber mit anderen in Austausch trete. Und genau da liegt die Aufgabe der Schule: Die Schule sollte an erster Stelle nicht eine Wissensfabrik, sondern vielmehr Makerspace, InnovationLab und StartUp sein.

Eine Frage sollte jeglicher Überlegung zu schulischer Bildung und der dazu nötigen Struktur zugrunde liegen:

Wozu verwenden wir die überaus kostbare Zeit, in der alle (SchülerInnen und LehrerInnen) in einem Gebäude zusammenkommen?

Damit alle im Deutschbuch auf Seite 73 einen Text lesen, einen Merkkasten abschreiben und – wenn die Zeit es noch zulässt – in den letzten 10 Minuten des Unterrichts die Musterlösung eines Musterschülers vorlesen? Wir müssen neu denken: Die Zeit, in der alle gemeinsam in einem Raum sind, lässt sich doch effizienter nutzen. Was wir brauchen, ist kollaboratives Arbeiten, persönliches Coaching, flexible Sozialformen, schülerzentrierter, projektorientierter Unterricht und noch viel mehr.

Wer lernt denn etwas durch einen Lehrervortrag? Die ersten fünf kennen den Stoff ohnehin schon und langweilen sich, drei hören interessiert zu, zehn snapchatten lieber und die übrigen würden gern zuhören, sind aber komplett überfordert.

Wenn Unterricht effektiv sein soll, muss er in individuellem Tempo auf jeden Lernenden zugeschnitten sein. Diese Zielvorstellung ist im Prinzip keine neue Erfindung und findet sich in Wochenplänen, Lesemappen etc. wieder. Nur darf es nicht vom einzelnen Lehrenden abhängen, ob ein Kind zum selbstbestimmten Lernen herangeführt wird oder es die Schule als eine Berieselungsanstalt in Güte des RTL2-Nachmittagsprogramms wahrnimmt. Es braucht strukturelle Veränderungen und Vorgaben, an denen sich jede Schule, jede Lehrerin und jeder Lehrer zu orientieren hat.

Eben diese Struktur ist es, die digitale Bildung ermöglicht:

  • Lernen zu einem selbstbestimmten Zeitpunkt, an einem selbstbestimmten Ort, in einem selbstbestimmten Tempo.
  • Direktes Feedback und Kontrolle der Lernfortschritte unterstützt durch Computersysteme.
  • Datenanalyse von Schülerlösungen, Bearbeitungsreihenfolge und -geschwindigkeit ermöglichen bessere Individualisierung des Lernwegs.
  • Bessere Unterstützung der Lernenden durch die Lehrenden, da diese ein genaueres Bild über Stärken und Schwächen jedes Einzelnen haben.
  • Zeugnisse über eine Qualifikation sind nicht ausschließlich auf Noten angewiesen, sondern können präzise Informationen zu verschiedensten Kompetenzen enthalten.
  • Lernmaterial ist immer, überall und bestenfalls für jeden (#OERde) verfügbar.
  • Der Klassenraum endet nicht an der Zimmertür.

Was zunächst abstrakt klingt, kann im bestehenden System mit gezielten, kleinen Schritten angegangen werden. Strukturelle Veränderungen sind nie mit dem Holzhammer umsetzbar, sondern müssen kleinschrittig und sukzessive erfolgen. Innerhalb der Regelschule bieten sich folgende Reformen an, die eine Entwicklung begünstigen:

  • Lehrerraumprinzip
  • Doppelstunden
  • WLAN für SchülerInnen
  • mobile Projektionsflächen
  • Tafeln abbauen

Das sind zunächst kleine Schritte und weit von einer Revolution des Unterrichts entfernt, jedoch sind das die im bestehenden System schnell und kostengünstig umsetzbaren Schritte, mit denen ein längerfristiger Prozess beginnen kann.

Es ist also bei Weitem nicht damit getan, jedem Schüler und jeder Schülerin ein Gerät in die Hand zu drücken und damit im bisherigen System den Unterricht nach bisherigen Mustern abzuhalten. Die bloße Existenz mobiler Endgeräte in Schülerhand ermöglicht so viel mehr und die Schule macht sich mehr und mehr überflüssig, wenn sie diese Potenziale nicht erkennt und nutzt. Die allgemeinbildende Schule kann ihre Legitimation in Zukunft nicht dadurch erhalten, dass ihre Besucher am Ende der Schulkarriere ein paar Formeln kennen, unregelmäßige Verben konjugieren können oder einen Computerführerschein besitzen. Die Schülerinnen und Schüler werden nur dann Erfolg haben können, wenn sie mit dem Mindset des lebenslangen Lernens die Schule verlassen.


Jan Weber

Jan Weber

Jan Weber ist seit 2014 Lehrer, aktuell an einer Oberschule (Sekundarstufe 1) in Niedersachsen und unterrichtet die Fächer Mathematik, Physik und Deutsch. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer arbeitet er als Digitalisierungsbeauftragter an aktuellen Themen der Schulentwicklung und bietet dazu Workshops, Fortbildungen und Vorträge an. Arbeitsschwerpunkte sind hierbei zukunftsgerichtete Prüfungsformate und projektbasiertes Lernen.