Corona versus Unterricht

Bildungseinrichtungen haben in den vergangenen Wochen Großartiges geleistet, um ihre Schülerinnen und Schüler trotz Schulschließungen unterrichten zu können. Um die Umstellung auf Fernunterricht und den Aufbau einer digitalen Lernplattform schnell und sicher zu bewältigen, können Schulen sowie Lehrerinnen und Lehrer das kostenfreie Office 365 A1-Angebot und Microsoft Teams nutzen. Alle Informationen zur Unterstützung durch Microsoft während der COVID-19-Krise finden Sie hier.

 

Niemand hätte gedacht, dass ein Virus unseren Alltag so durcheinanderbringen kann. Und doch ging es ganz schnell, die Schulschließungen kamen und viele Schulen waren nicht auf die Durchführung von Fernunterricht vorbereitet. „Distance learning“ soll in der Corona-Krise zumindest in einer Grundform stattfinden, um

  1. weiter Lerninhalte zu vermitteln und
  2. einen strukturierten Alltag für die Schüler und Lehrer aufrecht zu erhalten.

Zahlreiche Lehrer und Schulen, die sich bisher nicht mit dem Konzept des „distance learning“ auseinandergesetzt haben, nutzen zurzeit vorwiegend E-Mails, um den Schülern Aufgaben zu übermitteln und mit Ihnen in Kontakt zu bleiben. Dies geschieht entweder über eine schon vorhandene Lernplattform, in der alle Schüler und Lehrer auch mit schuleigenen Mailadressen ausgestattet sind, oder über Messenger-Dienste bzw. die privaten Mailadressen der Schüler.

Asynchrone Kommunikation nicht ausreichend

Diese Form der asynchronen Kommunikation halte ich für nicht sehr lernfördernd, da die Schüler zum einen die Aufgaben zu Hause alleine bearbeiten müssen, ohne direkte Lehrerunterstützung. Sie haben keine direkte Möglichkeit nachzufragen, sondern nur die asynchrone Nachfragemöglichkeit per Mail – wann dann die Antwort kommt, ist nicht vorhersehbar. D. h. sie erhalten im Lernprozess nur Hilfe aus dem sozialen Umfeld – sprich von den Eltern, den Geschwistern oder durch den Austausch mit Mitschülern. Es gibt wohl kaum eine Klasse, die heute ohne Messenger als schnelle Kommunikationslösung unterwegs ist, natürlich ohne Lehrerbeteiligung! Was sowohl gesetzlich und auch pädagogisch richtig ist. Aber die soziale (in Corona-Zeiten die sozial-virtuelle) Komponente, nämlich der Dialog mit dem Lehrer, fehlt.
Beschwerden der Eltern über diese Art des Lernens – Aufgabe per Mail verteilen, Schüler bearbeiten die Aufgabe ohne Unterstützung, Abgabe der Aufgabe zu einem bestimmten Zeitpunkt – gibt es in Corona-Zeiten vielfach. Häufigstes Argument gegen diese Form des Unterrichts: Überforderung der Schüler und der Eltern. Die Schüler erhalten von jedem Fachlehrer Aufgaben mit einem Abgabedatum und müssen schauen, wie sie damit zurechtkommen.

Distance learning nicht nur in der Krise

Einige Schulen wie beispielsweise das Erich-Gutenberg-Berufskolleg in Köln (EGB) haben bereits seit längerer Zeit das Thema „distance learning“ auf dem Schirm. Das EGB verfolgt seit vielen Jahren ein eigenes SmartSchool-Konzept – dazu gehört auch das Projekt school@home. Im Schulalltag bedeutet das, dass Projekttage mit Berufsschulklassen durchgeführt werden, um die Kommunikation und Kollaboration im Zeitalter der Globalisierung zu fördern. Die zwei Kompetenzen – Kommunikation und Kollaboration – gehören zum 21st Century Skills-Modell. Technisch umgesetzt wurde das Konzept bereits ab 2013 mittels Skype und der Lernplattform Office 365, heute arbeiten fast alle Berufsschulklassen und viele Vollzeit-Bildungsgänge mit Microsoft Teams. Eine ausführliche Beschreibung zu school@home findet sich auch in meinem Buch „SmartSchool- die Schule von morgen“.

School@home in Coronazeiten: Teilnahmequote bei 95%

Auf der Basis dieser Technologie realisiert der E-Commerce-Bildungsgang am EGB nun zu Corona-Zeiten ein „begleitendes Lernangebot“, dass fast zu 100% dem normalen Stundenplan entspricht. Die Teilnahme-Quoten der Schüler liegen derzeit in den E-Commerce-Klassen bei über 95%! Einen Dank an dieser Stelle an die Ausbildungsbetriebe, die ihren Auszubildenden in diesen schweren Zeiten ein zusätzliches Stück Normalität und Stabilität durch die Teilnahme ermöglichen.
Die Auszubildenden erfahren am EGB in diesem Bildungsgang ein durchgängiges Lernen und Arbeiten ohne Papier. Alle Dokumente werden digital in einer Sharepoint-Bibliothek innerhalb von Teams gespeichert. Die Kommunikation und Koordination des Schulalltags erfolgen über Mail und Chat innerhalb von Teams. Sofortbesprechungen (eine spontane Video-/Audiokonferenz) ersetzen den Beamer im Klassenraum. Teams-Sitzungen – geplant über den digitalen Kalender – ermöglichen einen synchronen Unterricht mit Einzel- oder Gruppenarbeit, der Besprechung von Lernergebnissen im Plenum, der Einbindung weiterer Software über das Teilen von Bildschirmen bis hin zur Rechnerübernahme.
Unterrichtssequenzen – beispielweise Vorträge von Schülern oder Lehrern – werden aufgezeichnet und stehen als Lernmaterial, als Lernsicherung oder als Informationsmaterial für fehlende Schüler zur Verfügung. Die Resonanz der Schüler auf diese alternative Unterrichtsform in Corona-Zeiten ist durchweg positiv – in Evaluationen sprechen die Schüler sogar von einem effektiveren Unterricht als vor Ort.

Wie sieht derzeit eine Unterrichtsstunde im E-Commerce-Bildungsgang aus?

Um die Struktur des Unterrichts in diesem Bildungsgang nachvollziehen zu können, sind einige Vorinformationen notwendig:
Der Unterricht im E-Commerce-Bildungsgang erfolgt Lernfeld bezogen, d.h. die Lehrer unterrichten nach dem Staffelstab-Prinzip. Der Stundenplan ist nicht nach Fächern strukturiert, sondern es wird ein Lernfeld nach dem nächsten unterrichtet. Das bedeutet, dass mehrere Lehrer das gleiche Lernfeld unterrichten und somit immer an die Vorstunde inhaltlich anknüpfen müssen. Damit das gelingt, protokollieren die Lehrer jede Stunde in einem OneNote-Dokument, welches in ein Lehrer-Teams eingebunden ist. Die Abstimmung im Staffelstab-Prinzip fällt derzeit sogar leichter als im Unterricht in der Schule, da die Kollegen in den Pausen Kurz-Videokonferenzen halten und die Übergabe besprechen. In der Schule ist dies aufgrund der weiten Wege durch einen Klassenraumwechsel oder sonstige Störungen durch Gespräche weitaus schwieriger.

Es gilt „Bring Your Own Device“

Größere Lernfelder werden auch projektbezogen und fächerübergreifend – losgelöst vom 45-Minuten-Rhythmus – unterrichtet. Die E-Commerce-Klassen arbeiten vom ersten Tag an im BYOD-Konzept des EGB, d.h. jeder Schüler bringt sein eigenes mobiles Endgerät mit und diese docken an die Lernplattform Office365 an. Das ergibt am Ende einen papierlosen Unterricht.

 

Lehrerprotokoll in OneNote für das Staffelstabprinzip Lehrerprotokoll in OneNote für das Staffelstabprinzip

 

Besonderheit der aktuellen Stunden: Es gibt Gäste! Zum einen nimmt eine Schülerin einer anderen Schule (gleicher Ausbildungsberuf, aber andere Berufsschule, gleicher Ausbildungsbetrieb wie ein anderer Schüler dieser Klasse) am begleitenden Lernangebot teil, da ihre Schule keine entsprechende Infrastruktur besitzt, und es nehmen ein paar Kollegen des EGB als digitale Hospitanten teil.

So läuft der Unterricht ab

8:00 Uhr – Unterrichtsbeginn, doch Stopp – der Lehrer ist meist bereits um 7:45 Uhr in der Teams-Sitzung und begrüßt die nacheinander eintreffenden Schüler. Es wird sich über das Befinden erkundet und man tauscht Erlebnisse und Geschichten aus, die man derzeit erlebt und diskutiert über das fehlende Klopapier.
8:05 Uhr – Der Unterricht geht los und es wird das heutige Programm besprochen. In einer Klasse steht derzeit das Thema Online-Marketing-Maßnahmen an. Auf der Basis der in der letzten Stunde gesammelten Informationen über das Thema wird die Klasse in Gruppen aufgeteilt und die Gruppen erhalten arbeitsteilige Aufträge. Die Aufgabe beinhaltet neben der Recherche des Themas die Erstellung einer Präsentation zum Thema mit max. 15 Minuten Vortragszeit. Parallel dazu wird ein Kriterienkatalog in Form einer Tabelle abgespeichert, die alle Gruppen während ihrer Arbeitszeit füllen sollen. Der Kriterienkatalog dient der besseren Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Maßnahmen. Der Bearbeitungszeitrahmen wird abgestimmt und die Gruppen beginnen mit ihrer Arbeit. Das nächste gemeinsame Treffen wird für 9:15 Uhr festgelegt.
Die Gruppen eröffnen ihre Arbeitsumgebungen – meist als neuen Chat in Teams. Hier können mehrere Personen per Audio-/Videokonferenz sprechen und sie haben auch einen eigenen Dateibereich zum Speichern. Zwischenzeitlich verbindet sich der Lehrer mit den einzelnen Gruppen und erkundigt sich nach deren Arbeitsstand oder steht für Fragen zur Verfügung. Zwischenzeitlich kommt eine Frage über den Team-Chat rein, die kurz beantwortet wird. Nachdem alle Gruppen besucht wurden, ist fast 9:15 Uhr und alle kehren in die Teams-Sitzung zurück.
9:15 Uhr – Blitzlicht aller Gruppen, ein Gruppenmitglied gibt einen kurzen Überblick über den Arbeitsstand und die noch benötigte Zeit.
9:30 Uhr – 9:50 Uhr Pause
9:50 Uhr – Lehrerwechsel! Alle Gruppen benötigen noch max. 60 Minuten, d.h. die Gruppenarbeit geht weiter und der Lehrer führt einzelne Videokonferenzen mit den Gruppen. Das nächste gemeinsame Treffen findet um 10:50 Uhr statt.

 

Geteilter Schülerbildschirm beim Vortrag des Themas Affiliate Marketing Geteilter Schülerbildschirm beim Vortrag des Themas Affiliate Marketing

 

10:50 Uhr – Alle Gruppen haben ihre Arbeiten beendet und die Ergebnisse in Teams-SharePoint hochgeladen. Nun beginnen die Vorträge der einzelnen Gruppen. Es wird vorher gemeinsam festgelegt, dass man sofort Rückfragen stellen kann während der Präsentationen – Einwurf entweder per Mikrofon oder aber per Chat (es gibt immer mal wieder Probleme mit den Mikrofonen – dann wird auf den Chat ausgewichen). Zum Ende jeder Präsentation werden Ergänzungen weiterer Gruppen hinzugefügt, fehlende Lerninhalte werden von der Lehrkraft ergänzt.
Zwischendurch erfolgen 3 kleine Sporteinheiten der bewegten Pause. Der Protokollant dieser Stunde wählt 3 Sporteinheiten aus, zeigt sie der Klasse per Video und die Klasse macht mit.
11:30 Uhr – 11:50 Uhr Pause
11:50 Uhr – Es folgen weitere Vorträge der Gruppen mit Besprechungen und Zusammenfassung.
13:00 Uhr – Ende des heutigen Angebots. Ein paar Gruppen haben noch nicht vorgetragen, d.h. in der nächsten Stunde geht es weiter…

Fazit

Die Bedeutung einer Lernplattform für Schulen wird uns in dieser schweren Zeit deutlich vor Augen geführt. Gerade schuleigene Mailadressen sind wichtig für die Kommunikation zwischen Schülern, Lehrern und Eltern, um nicht auf externe Dienste oder Messenger angewiesen zu sein. Das Lernen beschränkt sich heute und auch morgen – nach dem Corona-Virus – nicht mehr nur auf die Schule, sondern findet an vielen weiteren Lernorten statt, überall dort, wo auch das Leben stattfindet. Lernplattformen ermöglichen als zentrale Schulinfrastruktur das Lernkonzept der Zukunft – learning with any device, anytime, anywhere.

 

Informationen und Kontakt zum Autor

uchcover: Smart Schools von Detlef Steppuhn Detlef Steppuhn ist Lehrer am Erich-Gutenberg-Berufskolleg in Köln und unterrichtet dort die Fächer E-Commerce, Büroprozesse, Anwendungsentwicklung und IT-Systeme. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer übt er die Funktionsstelle des Leiters Neue Technologien und Medien am EGB aus. Seit September 2019 ist er auch als Autor im Gabler Springer Verlag tätig mit dem erschienenen Titel SmartSchool – Die Schule von morgen.
www.egb-koeln.de
dsteppuhn@egb-koeln.de
https://www.linkedin.com/in/dsteppuhn/
dsteppuhn@egb-koeln.de

 

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